E-Learning: Ernüchterung der Branche

Betriebliche Weiterbildung genießt in Wirtschaft und Verwaltung einen hohen Stellenwert. So gaben in einer von IBM herausgegebenen Studie 90% der befragten Unternehmen in Deutschland an, dass sie in der Weiterbildung ihrer Mitarbeiter einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil sehen.

Dennoch schrumpft der Weiterbildungsmarkt seit 2001 beständig. Die achte Lünendonk-Studie Führende Anbieter beruflicher Weiterbildung hat ergeben, dass im Jahr 2004 das Marktvolumen um weitere 7% gesunken ist. Das potenzielle Volumen bleibt trotzdem beachtlich: Der Herausgeber der Lünendonk-Studie schätzt das Marktvolumen auf 6 Mrd. Euro ein.

Derzeit befindet sich der E-Learning-Markt in einer Talsohle. Nach einer Zeit der Euphorie ist die Ernüchterung groß. Dennoch, ein Vergleich mit den europäischen Nachbarstaaten zeigt, dass in Deutschland E-Learning viel zu selten zum Einsatz kommt. Während in Deutschland nur 36% der im Rahmen der IBM-Studie befragten Unternehmen angaben, dass sie E-Learning-Programme etabliert haben – sind es in Frankreich dagegen 61%, in Italien 57%. Der Innovationsdruck dürfte bei international agierenden Unternehmen also weiter zunehmen.

Ursachen des geringen Einsatzes von E-Learning finden sich vornehmlich in drei Bereichen:

  1. Auf Grund der vorherrschenden wirtschaftlichen Situation findet betriebliche Weiterbildung nur noch im Rahmen des absoluten Minimums statt -- entsprechend wenig Spielraum bleibt für die Erprobung neuer Lernformen.
  2. Bisher herrscht eine gewisse Technikorientierung bei der Einführung von E-Learning vor. Didaktische Überlegungen spielen dagegen nur eine untergeordnete Rolle mit zum Teil dramatischen Folgen bei Akzeptanz und Lernerfolg. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung versucht nun in seinem Förderprogramm Neue Medien in der Bildung dem entgegen zu steuern. Nach einer Auditierung durch Prof. Dr. Gerhard Zimmermann sollen Projekte nur noch dann gefördert werden, wenn in der Konzeption Überlegungen zur Didaktik und zur Akzeptanzschaffung einen breiten Stellenwert eingeräumt werden.
  3. Weiterbildung findet fast ausschließlich in recht starren, schulorientierten Maßnahmen statt. Neue Lernformen auf Basis des E-Learnings bewegen sich dagegen außerhalb dieser Strukturen -- entsprechend groß fällt der Umgewöhnungsprozess aus, da ...die notwendige Entwicklung der Lehr- und Lernkultur sich nicht automatisch mit der Einführung von E-Learning entwickelt.
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Kommentare

Hallo,
ich stimme dem Artikel im großen und ganzen zu. Bez. Punkt (3) fühle ich mich als Trainer jedoch ordentlich auf den Schlipps getreten. Wenn ich als freiberuflicher Trainer meinen Kunden mit "starren, schulorientierten Maßnahmen" kommen würde, wäre ich wohl schon längst weg vom Fenster. Präsenzveranstaltungen in die unkreative verstaubte Ecke zu stellen, ist etwas starker Tobak, dafür gibt es zuviel Neues: Accelerated Learning z. B. Unter Umständen sollten sich die Anbieter von e-Learning-Konzepten doch etwas mehr mit dem Thema Lernstile und -Kanäle befassen, vielleicht könnte das den einen oder anderen Misserfolg erklären.

Viele Grüße
Stephan List

Ja, der Punkt 3 spiegelt eher meine Voreingenommenheit wider. Ich hoffe sehr, dass ich noch eines besseren belehrt werde ;-)

Nach einer Diskussionen hier vor Ort glaube ich, dass ich mich etwas missverständlich ausgedrückt habe. Ich bin nicht der Meinung, Präsenzveranstaltungen seien per se überholt und starr. Ganz im Gegenteil halte ich diese Form des Lernens für sehr effektiv -- bei entsprechendem didaktischen Konzept und qualifizierten und engagierten Trainern bzw. Coaches.

Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes zum Ausdruck bringen. Nämlich dass mit dem Begriff »Weiterbildung« meist die klassische Form des, ich nenne es jetzt mal bewusst so negativ, »Frontalunterrichts« gleichgesetzt wird. Betriebliche Weiterbildung findet fast ausschließlich nach dem Viersatz "Hinführung/Präsentation/Interaktion/Anwendung", andere didaktische Konzepte werden in der Regel erst gar nicht als Alternativen erwogen.

Eigentlich müssten wir hier die gleichen Erfahrungen gesammelt haben. Je nach Aufgabenstellung bieten sich v didaktische Konzepte an, doch alles was nicht dem klassischen Viersatz entspricht, muss gut argumentiert sein. Da ist es auf Beraterseite dann doch einfacher, diesen Ansatz einfach nicht zur Diskussion zu stellen. Und so finden sich auch viele langweilige WBTs und CBTs, die das Konzept einer solchen Präsenzveranstaltung einfach übernommen haben.

"Während in Deutschland nur 36% der im Rahmen der IBM-Studie befragten Unternehmen angaben, dass sie E-Learning-Programme etabliert haben – sind es in Frankreich dagegen 61%, in Italien 57%." Das ist die Marktreaktion. Nicht, weil E-Learning nicht bekannt wäre, die Anwender sind schlichtweg nicht überzeugt. Warum sind sie nicht überzeugt? Liegt es an den Anwendern? Liegt es an den Anbietern? Liegt es an interkulturellen Differenzen, dass E- Learning in anderen Staaten stärker angewandt wird? Sie können einfach feststellen, dass derzeit ein gap besteht, was verhindert, dass in Deutschland E-Learning weniger genutzt wird.

Wenn Sie also feststellen, dass vielleicht etwas fehlt, wo gehen Sie hin, wie kommen Sie auf eine potentielle Lösung? Sie werden in Deutschland mit solchen Innovationsfragen allein gelassen. Unbeschreiblich, welches Potential verloren geht!
DD hat auf seiner Seite ein nationales Excellence- Modell dargestellt, durch das "einfache" Innovationen gefördert werden sollen. Wenn es schon heißt, dass im Rahmen der Globalisierung Deutschland nur eine Chance hat, wenn das innovative Potential genutzt wird, dann muss man sich fragen, ob die Organisationsstrukturen vorhanden sind: nein. Daher der Vorschlag auf unserer Seite http://www.deutschland-debatte.de/2007/07/06/partnerschaft-bei-innovatio.... Helfen Sie bitte mit, diese Idee zu verbreiten.

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