Dietmar Harhoff zum Urheberrecht: »Eigentlich bräuchten wir viele Experimente, um neue Geschäftsmodelle auszuloten.«

Telepolis hat heute ein Interview mit Prof. Dieter Harhoff veröffentlicht: "Es hilft nicht, an den alten Geschäftsmodellen festzuhalten." Harhoff ist Professor am Institut für Innovationsforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Vorsitzender der Expertenkommission Forschung und Innovation.

Harhoff hat aus seiner wissenschaftlichen Perspektive eine deutlich kritische Haltung zu den Begehren aus Medienindustrie und Teilen der Politik, das Urheberrecht weiter zu verschärfen. Ich habe beim Lesen des Interviews ein klein wenig den Eindruck gewonnen, dass seine Expertenkommission die Erfahrung gemacht hat, dass in der Politik nicht unbedingt auf die Ratschläge der Fachleute gehört wird.

Zu den Folgen eines überzogenen Urheberrechts:

Und ein überzogenes Urheberrecht kann Innovationen behindern, zum Beispiel wenn der Preis oder die Transaktionskosten zu hoch sind, um ein Werk in Folgeinnovationen nutzen zu können. Wenn ich Zugang zu einer wissenschaftlichen Zeitschrift benötige, um selbst Forschung betreiben zu können, diese aber von meiner Organisation nicht abonniert wird, wird meine Forschungsaktivität sehr teuer oder gar unmöglich gemacht.

Veränderungen ziehen neue Geschäftsmodelle nach sich, andere werden nicht mehr benötigt:

Intermediäre erfüllen verschiedene Funktionen, und diese sind vom technischen Wandel unterschiedlich stark betroffen. In einigen Fällen wird mittelfristig die Rolle von Intermediären ganz in Frage gestellt. Dissertationsschriften lassen sich heute besser elektronisch publizieren. Hier werden oft nur sehr bescheidene Vermarktungsaktivitäten von den Verlagen geleistet. Ähnliche Effekte gibt es in der Unterhaltungsbranche. Die Filter- und Sortierfunktion des Labels in der Musikbranche lässt sich teilweise durch webbasierte Prozesse ersetzen, aber es mag auch Hybridlösungen geben.

[…]

Die Politik hat auf die neuen technischen Herausforderungen reagiert, indem sie den Schutz verstärkt hat. Aber Schutzrechte können wirtschaftlichen Wandel auch verzögern oder behindern, also Struktur erhaltend wirken.

Und am Schluss sein Appel:

In dieser Situation hilft es nicht, an alten Geschäftsmodellen festzuhalten und den rechtlichen Rahmen auf die etablierten Modelle auszurichten. Genau das passiert aber. Eigentlich bräuchten wir viele Experimente, um neue Geschäftsmodelle auszuloten.

[via netzpolitik.org]

Kommentare

Missverständnis

Um mal ein Missverständnis aufzuklären: Die Medienindustrie versucht nicht, das Urheberrecht zu verschärfen, ihr ist das Urheberrecht ein Dorn im Auge. Das Urheberrecht schützt die Kreativen - auch vor Übervorteilung durch die Medienindustrie. Was diese beansprucht, ist ein scharfesLeistungsschutzrecht. Also ein Stück von dem Kuchen, der eigentlich für die Urheber gebacken wurde.

Wie andere das Harhoff-Interview verstehen, kann mal z.B. hier nachlesen:

http://freie.djv-online.de/?p=405

Die »Kreativen« haben vom Urheberrecht nie besonders viel gehabt. Es gibt natürlich die Großverdiener, die Kehlmanns, die Madonnas. Das Groß der Kreativen muss sich allerdings harten Vertragsbedingungen unterwerfen, im Journalismus beispielsweise den üblich gewordenen Total-Buyout-Verträgen (aber das wissen Sie als freier Journalist natürlich viel besser als ich). Ich hatte mal in einem Blogeintrag Matthias Spielkamp zitiert, der in der brand eins schrieb: »Das Urheberrecht schützt vor allem eine Interessensgruppe: die Industrie.«

Wenn Sie sich in diesem Blog die mit Urheberrecht getaggten Einträge ansehen, zeigt das meine düstere Wahrnehmung der Medienindustrie.

Ich möchte noch zwei Sätze von Ihnen herausstellen, weil ich Sie nämlich für einen, gelinde gesagt, deftigen Euphemismus halte:

Was diese [die Medienindustrie] beansprucht, ist ein scharfes Leistungsschutzrecht. Also ein Stück von dem Kuchen, der eigentlich für die Urheber gebacken wurde.

Ihr Bild wäre korrekt, wenn Sie die Urheber als diejenigen darstellen würden, die sich mit den Krümeln am Rand ihres Kuchentellers begnügen müssen. Und die Medienindustrie hält dabei den gesamten Kuchen in der Hand.

Und was verstehen Sie unter einem scharfen Leistungsschutzrecht? Spielen Sie auf die neueste Forderung der Zeitungsverlage an, die gerne so eine Art Kulturflatrate für Ihre Internetauftritte hätten? So etwas hätte ich als Blogger auch ganz gerne ;-)

Da Sie auf das Blog vom DJV verweisen. Diese Interessensvertretung der Journalisten ist wegen der Einigung zur neuen Vergütungsregelung massiv in die Kritik geraten. Bei CARTA hat Wolfgang Michal das in seinem Beitrag Die neue Angemessenheit schön dargelegt.

Ich glaube nicht, dass es ein »Missverständniss« gibt.

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