Was kostet E-Learning?

Vorletzte Woche hatte ich ein interessantes Gespräch. In dem Unternehmen, bei dem das Gespräch statt fand, wird darüber nachgedacht, ob und wie man Mitarbeiter in einem bestimmten Bereich schult. Die Zielgruppe umfasst über 1.000 Personen quer durch die verschiedensten Tätigkeitsfelder. Wenn man so etwas auf die klassische Art lösen möchte, also mit Präsenzschulungen, dann kann man eine grobe Kostenrechnung aufmachen:

Schulungsdauer:                 2 Tage
Größe der Zielgruppe:       1.000 Teilnehmer
Größe der Veranstaltungen:     15 Teilnehmer

Zur Schulung aller Teilnehmer sind ungefähr 70 Veranstaltungen notwendig, das macht 140 Schulungstage. Die absoluten Kosten für die Trainer würden sehr hoch ausfallen, selbst wenn man günstige 1.000 EUR pro Tageshonorar ansetzt:

140 Tage x 1.000 EUR/Tag = 140.000 EUR

Man fragt sich vielleicht spätestens jetzt, wenn nicht hier der Einsatz von E-Learning lohnt, wann dann? In der Tat würde es nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn man die Weiterbildung nicht mittels E-Learning günstiger realisiert bekommen. Doch wenn ein gewisser Grad an Qualitätsanspruch hinzukommt ist die aufzustellende Kalkulation gar nicht mehr so eindeutig, wie die folgende Rechnung zeigt.

Um eine zweitätige Veranstaltung in ein – sagen wir mal – Web Based Training zu gießen, kann man erfahrungsgemäß zwischen 20 und 50 Prozent der Lernzeit einsparen kann. Das hängt allerdings sehr vom Lernstoff ab und natürlich auch wie die Präsenzveranstaltungen organisiert sind. Häufige Pausen knabbern ganz ordentlich an der zur Verfügung stehenden Zeit.

Verkürzung er Lernzeit

Um die Rechnung möglichst einfach zu halten, wird von einem Zeitersparnis von ~31% gegenüber der Präsenzschulung ausgegangen. Das bedeutet: Die Lernzeit des Web Based Trainings beträgt elf Stunden. Diese elf Stunden müssen produziert werden, da vorgefertigte Inhalte in diesem Fall nicht eingesetzt werden können. Eine solche Individualproduktion ist nun nicht gerade billig, auch wenn die Preise in den letzten Jahren dramatisch gesunken sind. Will man mehr als nur ein multimediales »Weiterklicken«, legt man Wert auf Lerntransfer, d.h. die Teilnehmer sollen möglichst viel von den Inhalten annehmen und in ihre Arbeits- und Handlungswelt mit herübernehmen, dann muss schon ein erhöhter didaktischer Aufwand betrieben werden – mit den entsprechend höheren Produktionskosten.

Das Volumenmaß »Lernzeit«

Der Umfang eines "Computerlernprogramms", also z.B. eines Web Based Trainings, wird nach der Lernzeit bemessen, die Einheit ist die Lernstunde. Die Lernzeit ist ein Schätzwert, der grob angibt, wie viel Zeit ein durchschnittlicher Lerner für die Bearbeitung eines E-Learning-Programms benötigt. Das klingt arg unscharf, in der Tat ist da auch ein wenig Voodoo mit im Spiel. Aber wir haben nichts besseres anzubieten. Die Lernzeit ist tatsächlich hilfreich, weil es als Volumenmaß nicht einfach nur die Zahl der Webseiten oder Screens angibt. Vielmehr hat man eine Größe, die einen Hinweis auf den Grad der Interaktivität liefert – und damit auch den konzeptionellen und technischen Aufwand versucht zu bemessen.

Kommen wir zurück zu den Kosten. Während vor fünf Jahren noch für die Entwicklung eines individuellen WBTs gut und gerne 70.000 DM pro Lernstunde bezahlt werden mussten, liegen wir heute bei 5.000 bis 20.000 EUR. Preise unter 10.000 EUR kommen zustande, wenn in der Produktion ein Höchstmaß an Automatisierung gefahren wird, die allerdings auf der Gegenseite die didaktische Vielfahlt einschränken.

In dem hier besprochenen Projekt ist man auf ein Mindestmaß an didaktischer Tiefe angewiesen, so dass die kostengünstigsten Produktionsverfahren ausscheiden. Doch das Projekt ist sehr umfangreich, so dass auf Grund der schieren Masse noch einiges an Einsparpotenzial in der Produktion steckt. Deswegen gehe ich bei den Produktionskosten von 10.000 EUR pro Lernstunde aus:

12 Lh X 10.000 EUR/Lh = 120.000 EUR

Betrachtet man sich die Kosten für die Trainer bei einer Präsenzschulung, dann fällt das Ersparte noch nicht besonders hoch aus. Vor allen Dingen, wenn man weiterhin bedenkt, dass die Entwicklung eine Web Based Trainings erhebliche Ressourcen bindet. Auch wenn man einen Dienstleister mit der Produktion beauftragt, müssen Projektleitung und Beschaffung von Informationen und Matierialen sowie die einzelnen Abnahmen innerhalb des Produktionsablaufs gewährleistet sein.

Vergleichsrechnung Präsenztraining vs. Web Based Training

Die großen Einsparungen ergeben sich bei einem Vergleich erst, wenn man versucht den mit der Weiterbildung einhergehenden Arbeitsausfall zu beziffern. Was die Stunde Arbeitsausfall tatsächlich dem Unternehmen kostet, ist schwer zu sagen. Hier habe ich mit 20 EUR gerechnet:

Präsenzschulung:     16h x 20 EUR x 1.000 TN = 320.000 EUR
Web Based Training:  12h x 20 EUR x 1.000 TN = 240.000 EUR

Das lässt den Vergleich für die E-Learning-Lösung nun schon viel besser aussehen. Allerdings wird diese Rechnung in der Praxis häufig nicht überzeugen.

Resümee

Muss es sich denn bei E-Learning immer um – aus didaktischer Sicht – recht einfachen kursbasierten Trainings handeln? In dem Gespräch hatten wir alternative Konzepte mit dem Ergebnis durchgespielt, dass die Alternativen nicht nur wesentlich preiswerter zu realisieren wären, sondern dass diese auch wesentlich effektiver wären.

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