Modernes Leben

Zur Weihnachtszeit haben es Meldungen etwas einfacher, in die Schlagzeilen zu kommen. Weihnachten ist eh nicht viel los. Außerdem, und das ist wichtig, wollen auch Journalisten das Weihnachtsfest genießen und nicht gleich für jede mittelprächtige Meldung den ganz großen Rechercheapparat anwerfen.

Eine solche Meldung ist die zur Operation Himmel, zum Beispiel bei Spiegel Online:

Riesiger Kinderporno-Skandal schockiert Deutschland

Von Stefan Plöchinger

12.000 Verdächtige in Deutschland: Diese Dimension des neuen Kinderporno-Skandals überraschte selbst die Ermittler. In der Geheimoperation "Himmel" spüren sie seit Monaten der Szene im Internet nach - dass der Fall jetzt bekannt wurde, ärgert die Fahnder. Denn nun sind viele der Täter gewarnt.

[...]

Das ist die eine Seite. In seinem law blog hat Rechtsanwalt Udo Vetter ein paar Hintergrundinformationen veröffentlicht, da er einen Betroffenen verteidigt hat:

Mein Mandant, stellte der Staatsanwalt im Abschlussvermerk fest, habe “offenbar eine Vorliebe für junge Frauen und lade gezielt solche Bilder aus dem Internet”. Einige zehntausend solcher Fotos fand die Polizei auf der Festplatte meines Auftraggebers. Das reichlich bemühte Fazit der Auswerter, wenigstens ein halbes Dutzend der knapp 50.000 Bilder könnte vor Gericht als kinderpornografisch durchgehen, teilte der Staatsanwalt nicht. Es handele sich um legale Inhalte. Für Moral seien die Ermittlungsbehörden nicht zuständig. Der Staatsanwalt stellte das Verfahren ein.

[...]

Man braucht die Ermittlungsakten nur halbwegs gründlich zu lesen, um festzustellen: Das betreffende Portal galt keineswegs als Geheimtipp für Kinderporno-Konsumenten. Vielmehr wurde es auch als Adresse für (derzeit noch legala) Lolita- und Teen-Bilder gehandelt.

Soweit zur allgemeinen Aufregung und Dramatik, mit der über so etwas berichtet wird. Dieser »Fall« bekommt nun noch eine ganz eigene Note. Die Tagesschau hat nämlich in einem Film angedeutet, dass der Internet Service Provider Strato AG die Ermittlungen ins Rollen gebracht habe: Demnach hat man dort »… einen enormen Datenverkehr festgestellt.« Dann hat man anscheinend näher nachgesehen (wie hat man das gemacht, etwas die Daten auf den Kundenfestplatten analysiert?) und schließlich die Polizei verständigt. Das ist schon etwas merkwürdig, denn normalerweise freuen sich ISPs, wenn sie Datenverkehr extra abrechnen dürfen. Und so wie es Rechtsanwalt Udo Vetter schildert, handelte es sich im Falle seines Mandanten zwar um Schmuddelkram, aber eben um legalen Schmuddelkram. Allein mit der Behauptung, dass es sich um Kinderpornographie handeln könnte, sind jetzt 12.000 User ins Visier der Fahnder gekommen. Als Strato-Kunde (tschlotfeldt.de und einige andere Sites liegen auf einem Root Server im Strato-Rechenzentrum) überlege ich mir natürlich schon, was mir so alles in Zukunft passieren könnte. Und ob und wie häufig Strato-Mitarbeiter meine Serverfestplatten scannen …

Update: Die Strato AG hat auf seiner Homepage eine Presseerklärung zum Fall Himmel veröffentlicht. Darin sagen sie, dass sie nicht der Informant gewesen sind, der den Fall ins Rollen gebracht hat. Sie nehmen aber sehr wohl Analysen auch auf Serverfestplatten vor und haben es nach meiner Interpretation in diesem Fall getan.

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