Habermas' »Öffentlichkeit«, das Internet und das Web 2.0

Jürgen Habermas hat etwas zu Web 2.0 geschrieben. Dazu muss man wissen, dass sich Habermas in seiner Habilitationsschrift »Strukturwandel der Öffentlichkeit« mit dem bürgerlichen Verfassungsstaat und der Bedeutung der Öffentlichkeit für diesen beschäftigt hat. Bei Wikipedia steht dazu:

Habermas zeigt anhand historischer Beispiele, wie „die politische Öffentlichkeit aus der literarischen“ hervorgegangen ist. In den um die Mitte des 17. Jahrhunderts gegründeten Kaffeehäusern, Salons und Tischgesellschaften bildeten sich Kristallisationspunkte der Öffentlichkeit. Ihre Gespräche kreisten zunächst um Kunst und Literatur, erweiterten sich aber bald um ökonomische und politische Inhalte. Unter den Mitgliedern herrschte Gleichberechtigung und die Macht des Arguments.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts sieht Habermas den öffentlichen Diskurs zunehmend gefährdet. Die Publizität gerät durch verschärften kapitalistischen Konkurrenzdruck in den Sog von partikularen Interessen. Mit Entstehung der Massenpresse und den ihr eigenen technischen und kommerziellen Gegebenheiten erfolgt eine „Refeudalisierung der Öffentlichkeit“: Die Kommunikation wird wieder eingeschränkt und dem Einfluss einzelner Großinvestoren unterworfen.

In der Reihe »Kleine politische Schriften« hat Habermas seine Gedanken zur Öffentlichkeit auf das Internet ausgedehnt. Bei histnet sind einige interessante Auszüge zu lesen:

Das World Wide Web scheint freilich mit der Internetkommunikation die Schwächen des anonymen und asymmetrischen Charakters der Massenkommunikation auszugleichen, indem es den Wiedereinzug interaktiver und deliberativer Elemente in einen unreglementierten Austausch zwischen Partner zulässt, die virtuell, aber auf gleicher Augenhöhe miteinander kommunizieren.

Und:

Tatsächlich hat ja das Internet nicht nur neugierige Surfer hervorgebracht, sondern auch die historisch versunkene Gestalt eine egalitären Publikums von schreibenden und lesenden Konversationsteilnehmern und Briefpartnern wiederbelebt. Andererseits kann die computergestützte Kommunikation unzweideutige demokratische Verdienste nur für einen speziellen Kontext beanspruchen: Sie unterminiert die Zensur autoritärer Regime, die versuchen, spontane öffentliche Meinungen zu kontrollieren und zu unterdrücken.

Wobei seine Schlussfolgerungen durchaus diskussionswürdig erscheinen:

Das Web liefert die Hardware für die Enträumlichung einer verdichteten und beschleunigten Kommunikation, aber von sich aus kann es der zentrifugalen Tendenz nichts entgegensetzen. Vorerst fehlen im virtuellen Raum die funktionalen Äquivalente für die Öffentlichkeitsstrukturen, die die dezentralisierten Botschaften wieder auffangen, selegieren und in redigierter Form synthetisieren.

Weiterlesen bei weblog.histnet.ch: Habermas 2.0 - Strukturwandel der Öffentlichkeit reloaded.

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Kommentare

Zensur wird dank des Internets glücklicherweise immer schwerer. Das ist die positive Seite. Die Kehrseite ist aber auch: Der wütende Mob kann über das Internet Reputation und Rehabilitierung dauerhaft beschädigen bzw. unmöglich machen. Und das lässt sich dann kaum noch steuern oder wiedergutmachen.

"Das Web liefert die Hardware für die Enträumlichung einer verdichteten und beschleunigten Kommunikation, aber von sich aus kann es der zentrifugalen Tendenz nichts entgegensetzen", meint er. Hier würde ich Habermas nur teilweise zustimmen. Denn immer mehr Dienste ermöglichen es dem einzelnen, aber auch Organisationen, die Dienste auf sich zu fokussieren und zu bündeln. Aggregationsdienste aller Art etwa ermöglichen das Zusammensetzen einzelner Öffentlichkeiten - aber personenbezogen. Damit entsteht nicht "keine Struktur", sondern eine andere, neue Struktur.

Ja, ich denke auch, dass er sich die Entwicklungen im Web noch nicht so ganz erschlossen hat.

-Tim

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