Quo Vadis, E-Learning?

In den vergangenen vier Jahren hat sich eine Menge E-Learning-Bereich getan. Dabei hat sich einmal wieder gezeigt, dass Entwicklungen nicht vorhersehbar sind. Ende der 90-er Jahre dachte man noch, dass Schüler, Studenten und Berufstätige in naher Zukunft fast ausschließlich digital lernen würden. 1998 erschien beispiels der Abschlussbericht der Enquete-Kommission »Zukunft der Medien in Wirtschaft und Gesellschaft – Deutschlands Weg in die Informationsgesellschaft« in der ganz klar die zukünftigen Anforderungen an Medien- und Selbstorganisationskompetenzen der Menschen hierzulande beschrieben wurden. Aber seit 1998 hat sich im Schulunterricht nicht viel geändert, eventuell bis auf die PISA-Debatte. Seit dem wird ein wenig an den Symptomen gedoktert, aber ein Paradigmenwechsel hat in der Didaktik noch nicht statt gefunden. Eine interessante Diskussion dazu gab es letztens bei Mandy Schiefner (eine Diskussion dazu gibt es auch hier im Blog).

In den Unternehmen sieht es schon etwas anders aus. Ende der 90-er Jahre sah das E-Learning-Bild noch so aus: man kauft sich ein teures Learning Management System und wenn man aus der IT-Anpassung noch Geld übrig behalten hat auch noch ein paar Lerninhalte. Neben Stangenware für Sprach- und Officeschulungen auch gerne Individualproduktionen. Damals war Contenterstellung noch aufwändig, weil es zum Einen noch an einfach zu bedienenden Werkzeugen mangelte und zum Anderen technischer und didaktischer Anspruch sehr hoch waren. Mittlerweile hat sich das Bild hier ein wenig gewandelt. Im Fokus von E-Learning stehen derzeit unter anderem Produktschulungen. Zum Beispiel im Consumer-Bereich, dort werden die Schulungen sowohl für Vertreibspartner als auch für Endkunden entwickelt. Die Entwicklung findet hier vermehrt nicht mehr durch die Hilfe von externen Dienstleistern statt sondern durch eigene Mitarbeiter. Denn sowohl das notwendige Know-How als auch einfach zu bedienende Entwicklungswerkzeuge sind jetzt vorhanden.

E-Learning etabliert sich also gerade da, wo es rasch einen Mehrwert generiert, messbar in höheren Verkaufszahlen oder geringeren Supportaufwändungen. Wo E-Learning dagegen immer noch ein Nischendasein fristet ist die Personalentwicklung. Altbekannte Trainings herrschen hier vor, echte Veränderungen und Innovationsbereitschaft sind meines Erachtens die Ausnahme. Wenn ich mir das so näher anschaue, dann frage ich mich natürlich, wieviele Organisationen den nächsten Schritt Richtung Transparenz, Offenheit und Hierarchielosigkeit gehen möchten, also in Richtung des derzeitigen Buzzwords »Enterprise 2.0«.

Kommentare

Auf den "Schritt in Richtung Transparenz, Offenheit und Hierarchielosigkeit" werden wir in den Unternehmen - Einzelfälle ausgenommen - wohl noch eine Weile warten müssen. So lange kein Anreizsystem implementiert ist, sein Wissen mit anderen zu teilen, sondern der belohnt wird, der "besser ist" als die anderen, werden die o. g. Begriffe schwerlich einen Weg in die Unternehmen finden.

Ich weiß nicht, ob es mit einem Anreizsystem für Mitarbeiter getan ist. Ändern müsste sich wohl auch generell das Bild von Unternehmen und ihre Organsiationsformen (Struktur, Transparenz).

Schau'n mer mal, was wir in fünf Jahren vorfinden werden.

@Tim: Danke für Deine komprimierte E-Learning-Historie, die mich zugleich zu einigen Ergänzungen ermuntert hat. Folgendes:
(a) Du beklagst auf der einen Seite den fehlenden Paradigmenwechsel in der Didaktik des Schulunterrichts, um dann fortzufahren, dass es in Unternehmen "anders" aussieht. Hier möchte ich folgende Ergänzung vorschlagen: Ja, es sieht in Unternehmen möglicherweise anders aus, was den Einsatz von E-Learning betrifft, aber von einer neuen oder veränderten Didaktik kann man hier sicher auch nicht sprechen. E-Learning hat sich hier vor allem als effiziente und flexible Methode/ Medium etabliert.

(b) In Unternehmen beobachtest Du einen Trend zu inhouse-Entwicklungen. Ich sehe eher, dass Unternehmen heute aus einer breiten Palette an Möglichkeiten wählen können - und dies auch tun: Einige haben inhouse-Teams für das komplette E-Learning; einige unterscheiden zwischen schnellen Lösungen, die sie inhouse entwickeln, und aufwendigeren, die sie von Anbietern entwickeln lassen; wiederum andere lassen sich nach wie vor ihr komplettes E-Learning-Angebot von Externen entwickeln. Einen eindeutigen Trend kann ich hier derzeit nicht ausmachen.

(c) Am "Nischendasein der Personalentwicklung" ist etwas dran: In schnelllebigen Zeiten lassen viele Geschäftsbereiche und Projektteams ihr E-Learning selbst entwickeln, und der Personalentwickler ist hier oft "nur" noch in der Rolle des Experten, Beraters oder Plattform-Implementierers.

(d) Wir sprechen hier natürlich von "E-Learning 1.0", vom Web-based Training bzw. Lernprogrammen. Wo Unternehmen immer noch zögern, das sind die neuen Möglichkeiten der Vernetzung, der Prozessunterstützung, des kollaborativen Lernens, der Verbindung von Lernprogrammen mit on demand-Lösungen usw. usf. Was mich hier aber auf einen "Paradigmenwechsel" hoffen lässt, ist die Erfahrung, dass immer breiter werdende Zielgruppen - Management, Wissensarbeiter, Fachexperten - mit klassischem E-Learning nicht erreicht werden können. Na ja, vielleicht reicht es nicht gleich für einen Paradigmenwechsel, aber zumindest eine Erweiterung der vorhandenen Optionen sollte drin sein.

In diesem Sinne weiterhin alles Gute
JR

Hallo Jochen,

vielen Dank für deine Rückmeldung!

zu (a): Ja, ich stimme dir zu. Mit dem »in Unternehmen anders umgehen mit E-Learning« meinte ich keine qualitative Bewertung in Richtung bessere Didaktik. Man hat in Unternehmen viel ausprobiert und dabei auch eine Menge Geld in die Hand genommen.

zu (b): Meine Sichtweise ist da natürlich sehr subjektiv. Selbstverständlich wird überall in der Republik in den unterschiedlichsten Formen an und mit E-Learning gewerkelt. Wir bei Nitor leben ja auch von unseren Kunden, die ihren Führungskräften Soft Skills mit unseren Lernprogrammen vermitteln. Darüberhinaus unterstützen wir Unternehmen bei der Etablierung von »e-gestützten« Weiterbildungsprozessen (zum Beispiel bei der Konzeption von Blended Learning-Prozessen oder bei der Ausbildung von E-Tutoren). Das verschafft uns wiederum einen gewissen Einblick. Beim Blick auf den Weiterbildungbereich geht es mir nun so, dass ich meine eine »Häufung« in den Bereichen Produkt- und Supportschulungen erkennen zu können.

zu (c): Bei dem was du schreibst stimme ich dir voll und ganz zu. Zudem sehe ich in der Personalentwicklung auch das Problem, dass da wenig Luft für Experimente ist. Es gibt einen Rechtfertigungsdruck, wenn man den Pfad der klassischen Trainings verlassen will. Ähnlich wie im Schulbereich muss man auch in den Unternehmen an dem vorherrschenden Bild, wie »gute« Weiterbildung aussehen sollte, arbeiten.

zu (d): Wir alle arbeiten dran. Ich glaube auch, dass einfach noch viel zu wenig bekannt ist über die Möglichkeiten der neuen kollaborativen Lern- und Arbeitsformen. Andererseits bin ich auch immer wieder überrascht, welche Tools schon ihren Stammplatz in der Unternehmens-IT gefunden haben.

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