Heidelberger Appell: Die Angst der Verlage

Ich will nicht abstreiten, dass Roland Reuß mit seinem Heidelberger Appell zutiefst redliche Absichten verbindet. Allerdings fehlt mir da bei der Verquickung von so völlig verschiedenen Dingen wie Open Access und Google Books einfach der naive Glaube, dass kein U-Boot des Verlagswesens Stellung bezogen hat.

Die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages haben sich mit dem Heidelberger Appell einmal näher beschäftigt. Zu Open Access heißt es:

REUß befürchtet, dass Angehörige von Universitäten, also Wissenschaftler, von ihren Hochschulen verpflichtet würden, ihre Forschungsergebnisse auf dem Hochschulserver abzulegen. Dadurch würde unter anderem leichtfertig die bewährte Infrastruktur mittelständischer Wissenschaftsverlage aufs Spiel gesetzt.

[…]

Dagegen verbinden Befürworter mit dem Open Access-Modell eine Stärkung der Autorenrechte (GERSMANN, 2009b: 4. Absatz). WERNER (2009: 27) wertet die Open Access-Bewegung sogar als „fälligen Einspruch gegen die Selbstausbeutung der Wissenschaftler gegen die Preisdiktate mancher Großverlage“. Wissenschaftler hätten die Möglichkeit, breit rezipiert zu werden, und könnten auch die Rechte an ihren Werken behalten, so dass auch eine Veröffentlichung bei einem Verlag mit einfachem Nutzungsrecht weiterhin möglich sei.

[…]

Im Appell wird nicht erwähnt, dass es zwischen Autor und Fachzeitschriftverlag oft ein einseitiges Abhängigkeitsverhältnis zu Lasten des Autors gibt. So werten SPIELKAMP und CRAMER (2009) Open Access als eine Selbsthilfebewegung von Wissenschaftlern, die sich von den großen Wissenschaftsverlagen enteignet gefühlt hätten. Sie hätten ihre Oligopolstellung ausgenutzt und die Preise für ihre Fachzeitschriften, in denen Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse und -erkenntnisse austauschen, in den letzten Jahren drastisch erhöht (bis zu 30% pro Jahr).

[…]

Des Weiteren erhalten Wissenschaftler in der Regel keine Vergütung von den Verlagen für ihre Artikel. Sie müssen aber oftmals alle Rechte an ihren Beiträgen abtreten. Nicht selten müssen sie für die Veröffentlichung ihrer Forschungsergebnisse erhebliche Druckkostenzuschüsse an die Verlage zahlen, die jeweils bis zu mehreren Tausend Euro betragen können.

[…]

Im traditionellen Veröffentlichungsverfahren werden noch weitere problematische Gegebenheiten angemerkt. GERSMANN (2009a) und REICHERT (2009: 2) sehen eine mehrfache staatliche Subvention für private Verlage. Zunächst würden mit staatlichen Mitteln staatlich bestallte Wissenschaftler an staatlichen Universitäten, in staatlichen Forschungseinrichtungen, Laboren und Büros Forschungsergebnisse produzieren. Dann würden diese Forschungsergebnisse, die die Wissenschaftler in der Regel kostenfrei Verlagen überlassen, in Form der in Verlagen produzierten Veröffentlichungen meist aus Steuergeldern von den Universitäten für ihre Bibliotheken wieder zurückgekauft. SPIELKAMP und CRAMER (2009) sehen eine weitere Subventionierung darin, dass Wissenschaftler den „Peer Review“, also das Begutachten der zu publizierenden Artikel und das in fast allen Fällen erforderliche Setzen und Layouten der Beiträge, auch übernehmen. Der Staat subventioniere also die Erstellung von Publikationen gleich dreifach; der Gewinn hingegen verbleibe letztendlich bei den Verlagen.

Das U-Boot

Warum man den Heidelberger Appell auch als eine Art U-Boot des Verlagswesens wahrnehmen kann, liegt meiner Meinung nach an der Vermischung von Google Books und Open Access, zwei Dingen, dich nichts miteinander zu tun haben. Google Books ist ein kommerzielles Projekt, das viel Raum für Diskussionen lässt. Bei Open Access ist die Lage dagegen eindeutig und man kann nicht viel dagegen vorbringen – es sei denn, man ist ein Wissenschaftsverlag und fürchtet um seine Margen. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags kommt jedenfalls zu folgendem Fazit:

Die Kritik an Open Access kann kaum nachvollzogen werden. Die hier gemachten Vorwürfe treffen eher auf die traditionellen Vertriebswege zu als auf das neue Publikationsmodell. Mit der digitalen Plattform steht den Rechteinhabern eine adäquate Publikationsalternative zur Verfügung, die insbesondere vor dem Hintergrund der Geschwindigkeit, in der neues Wissen geschaffen wird, erhebliche Vorteile gegenüber den in der Regel teureren traditionellen Vertriebswegen hat. Die Vorteile werden auch in den einschlägigen Untersuchungen der EU und der OECD bestätigt.

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